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04.05.2020

Teil 2 der namenlosen Geschichte

Die Filiale Käpylä der Stadtbibliothek Helsinki – in diesen Zeiten ebenso geschlossen wie die Deutsche Bibliothek in Helsinki – hat ein Schreibprojekt ins Leben gerufen: Finnische Autorinnen und Autoren (u.a. Jukka Laajarinne, Sami Hilvo, Laura Lindstedt, Riina Katajavuori, Marja-Leena Mikkola, J Pekka Mäkelä, Sanna Pelliccioni, Satu Koskimies, Johanna Venho, Vilja-Tuulia Huotarinen, Sini Helminen, Briitta Hepo-Oja und Kimmo Oksanen) und Nicht-Profis schreiben eine Fortsetzungsgeschichte, zu der jeder ein Stück beitragen kann – es gibt schon eine Warteliste. Koordiniert wird das Projekt von Kari Juhola, und der bisher entstandene Teil ist auf der Helmet- und der Facebook-Seite der Käpylä-Bibliothek auf Finnisch zu lesen (ab 3.4. auf https://jatkuvatarina.blogspot.com).


Die Nacht war unruhig und stickig, ich trat immer wieder die Decke weg und roch jedesmal, wenn ich hochschreckte, meinen Angstschweiß. Hatte ich wirklich den Mumm, im fahlen Morgenlicht den Weg zu meinem ersten Ziel einzuschlagen?

Der kleine Hund, wegen dem ich mir beim Sprung vom Balkon fast den Schädel gebrochen hätte, hatte noch mehr in mir erschüttert als nur den Kopf. Ob zum Guten oder zum sehr Schlechten, würde die Zeit erweisen. Und der Aufbruch zum Ziel.

Ich war wohl doch in tieferen Schlaf gesunken, denn als ich mit verklebten Augen aufwachte, war es schon fast Mittag. Während ich am Tisch Tee trank, betrachtete ich Mar, die traurig zum Fenster hinausstarrte. Sie wusste nicht, dass ich gehen würde, und noch weniger ahnte sie, dass ich womöglich nie mehr zurückkehren konnte. Dennoch wusste ich, dass der Aufbruch die wichtigste Tat unauffälligen Lebens sein würde.

Ich stand auf und stellte die Teetasche auf die Spüle, räusperte mich, zog den Hosenbund zurecht. Ich spielte einen normalen Menschen, fand meinen Auftritt jedoch mehr als unglaubhaft.

„Ja dann… ich… ööh… ich geh mal schnell zu Alepa, vielleicht haben sie Kaffee bekommen.”

Mar sah mich an, sagte aber nichts. Dass das Alepa-Geschäft eine Lieferung Kaffee erhalten hatte, war so wahrscheinlich wie die Möglichkeit, im Ein-Euro-Laden Diamanten zu erstehen, das war ihr natürlich klar. Dennoch hinderte sie mich nicht daran, zu gehen, sah mir nur länger in die Augen als sonst und umarmte mich fester. Sie wusste, dass ich nicht auf die Suche nach Kaffee ging.

Als ich aus der Haustür trat, hörte ich genau hin, wie sie hinter mir zuschnappte. Jedesmal dieses unverkennbare Knacken, nur hörte ich es jetzt vielleicht zum letzten Mal. Doch ich schüttelte diesen wehmütigen Gedanken ab, jetzt war nicht die Zeit, sentimental zu werden. Ich schlug den Weg nach Merihaka ein, zu den bis an die Wolken reichenden Zäunen, hinter denen sich die Wahrheit verbarg. Und die wollte ich finden. Ich hatte beschlossen, um jeden Preis in das abgesperrte Merihaka vorzudringen.

***

 

In Hakaniemi blies der Wind von der Meeresbucht unter meine Jacke, das war erfrischend. Der Wind wäscht mich rein, dachte ich. All die klebrigen Gedanken, die sich in der Zeit der Krankheit angesammelt hatten, die engen Sackgassen des Geistes, würde ich hinter mir lassen. Ich versicherte mir, dass ich richtig daran getan hatte, Mar und Tek alleinzulassen, sie von mir zu befreien. Schon lange hatte Mar mit ihrem Tonfall und ihrer Miene zu verstehen gegeben, dass ich in dem Bild überflüssig war, ich genügte ihr nicht, taugte nicht. Ich hatte mir eingebildet, dass wir zu dritt stark wären, doch so war es nicht. Tek war und blieb mir fremd, ließ mich nicht an seinen Gedanken teilhaben, und irgendeine Schwäche hinderte mich daran, mich Mar zu nähern.

 

Ich musste in etwas Neues eintreten. Dazu musste ich einfach fähig sein, die Beklemmung des Stillstands war größer geworden als der Schmerz des Losreißens. Ich dachte an die anonyme Nachricht, die ich in der vorigen Woche bekommen hatte. „Die Hunde fühlen sich auf den Betonhöfen wohl, vom Dach sieht man weit. Denk daran, wo du gewohnt hast, als noch alles möglich war. Das ist es immer noch!”

 

Meine Studienzeit war ein blasser, kummervoller Lebensabschnitt gewesen, auf alten Fotos erkannte ich mich kaum. Ich war ein magerer Junge, die Haare hingen mir über die Augen, ich konnte nicht mit den Leuten reden, und wenn ich in einen engeren Kontakt kam, der die Möglichkeit einer körperlichen Berührung versprach, lief ich weg. Wer war ich? Schwer zu begreifen.

 

Deutlich in Erinnerung geblieben ist mir aus dieser Zeit nur Elo, mit der ich zwei ganze Monate in einer Studentenbude von HOAS in Merihaka wohnte. Sie kam in mein Bett, wärmte mich und war nach zwei Monaten weg. Wir hatten die Angewohnheit, in den Frühjahrsnächten über die Feuerleiter auf das Dach des Hochhauses zu steigen und auf das Meer zu schauen. Elo glaubte an eine bessere Zukunft, an die Veränderung der Welt und daran, dass wir kleinen Menschen die Möglichkeit hatten, Einfluss zu nehmen, wenn wir nicht nachgaben. Ich wunderte mich über sie: Woher nahm sie ihre Kraft? Wenn sie von Demonstrationen sprach, von der Untergrundtätigkeit und Geheimbünden, brannten ihre Wangen. Sie hatte radikale Gedanken darüber, was alles man der Menschheit wegnehmen und wie das Wirtschaftswachstum rigoros beschnitten werden müsse. Nur so hätten wir die Möglichkeit, zu überleben. Nein, das sei kein Schritt zurück. Es sei der Weg nach vorn, der einzige Weg, auf dem es weitergehen könne.

 

Ich wusste, dass die Nachricht von Elo stammte. Sie konnte von keinem anderen sein.

 

Als ich die Fahrradrampe hinaufging, die zum Innenhof der Betonhäuser führte, sah ich einen kleinen Hund hinter einer Ecke verschwinden.

 

***

 

Ich ging ohne Eile weiter, damit er nicht erschrak. Als ich an die Ecke kam, blieb ich stehen. Der Hund hatte auf mich gewartet und sah mich traurig an. Allerdings war das wohl nicht wirklich sein Gemütszustand, die Menschen denken sich nur Gemütszustände für Hunde aus, übertragen ihre eigenen Stimmungen auf ihre vierbeinigen Freunde.

 

„Ich bin nervös, du nicht? Denk doch nur, wenn wir auch Elo treffen? Es ist lange her, seit wir uns zuletzt gesehen haben, hat sie sich wohl verändert? Hoffentlich hat sie sich die Haare geschnitten, die waren zu lang.”

 

Der Hund gab keine Antwort, aber ich glaubte ihm anzusehen, dass er sowohl nervös als auch erpicht war, zu erfahren, was uns erwartete. Sein Halsband blitzte auf, und bei genauerem Hinsehen merkte ich, dass es ein Muster aus metallenen Schädeln hatte, die mich mit ihren kleinen Kinnen anzugrinsen schienen. War dieser Hund gekommen, um mich zu holen, gewissermaßen als Geleit ins Totenreich? In dem Fall war er eine leise Enttäuschung. Lieber wäre mir eine mystische Gestalt in langer Kutte gewesen, die in Reimform tiefsinnige Gedanken über die ewige Ruhe im Tod vortrug, in der man Zeit hat, über sein kurzes Leben nachzudenken. Aber nein, ich hatte einen Hund bekommen, obendrein einen Mischling mit einer ordentlichen Portion Terrier, was denn sonst.

 

„Wuff!”

 

Das Bellen des Hundes riss mich aus meinen Gedanken. Er drehte den Kopf und sah mich aus großen Augen an, als wollte er fragen, ob wir unseren Weg jetzt endlich fortsetzen könnten. Dann wandte er sich um und lief weiter. Ich folgte ihm wider besseres Wissen. Das Tier konnte ja nichts von meinen Merihaka-Plänen ahnen, dorthin würde ich nicht gelangen, indem ich ihm folgte. Und er kannte Elo nicht, führte mich also nicht zu meiner Freundin. Dennoch folgte ich ihm.

 

Der Hund bewegte sich auf seinen vier Beinen so schnell, dass ich joggen musste, um dranzubleiben, die Treppe hoch musste ich fast rennen. Ich erinnerte mich, gelesen zu haben, dass Feldhasen bergauf schneller laufen als in ebenem Gelände, offenbar galt das auch für Stadtterrier.

 

Ich wusste, was ich tat, ich hatte mir eine künstliche Aufgabe ausgedacht, um das zu vermeiden, was ich eigentlich tun musste.

 

Ich hatte Angst.

 

Ich hatte Angst, Elo zu begegnen. Es war so lange her, ich war so jung gewesen. Sie wollte mich nicht neben sich im Bett, grau und müde, wie ich war. Überzählig.

 

Merihaka machte mir Angst. Ich ahnte, wusste beinahe, was ich dort finden würde, aber noch bestand die Möglichkeit, dass ich mich irrte. Solange ich dem Hund folgte wie Alice dem Hasen aus Wunderland, war alles gut, auf Pause geschaltet. Keine enttäuschte Elo und in meinem Herzen noch ein Funken Hoffnung auf die Menschen.

 

***

 

Kläffer leckte mein Gesicht und wich zurück. Er sah mir in die Augen, als wollte er mir etwas erzählen. Wir waren in kurzer Zeit Freunde geworden. Der Hund schien zu spüren, dass ich traurig war. Er hatte recht, nichts würde sich ändern, wenn ich hier im Gebüsch hockte. Wahrscheinlich würde ich Elo nicht beim ersten Versuch finden, aber es wäre ja schon schön, wenn ich wenigstens Socken fände.

 

Ich stehe auf. Ich weiß nicht, was mich veranlasst hat, nach Merihaka zu kommen. War es mein Beschluss, Ziele anzustreben, meine unersättliche Neugier, oder war ich einfach nur ein Feigling, der nicht mit ansehen wollte, wie die Beziehung zwischen den beiden Menschen, die ihm an nächsten stehen, tiefer wird? Eigentlich, so merkte ich, war es mir egal, was mir den Anstoß gegeben hatte. Ich ging vom Innenhof auf die offene Straße. Merihaka hatte sich während der Quarantäne verändert. Wenn irgendwo der Widerstand gegen die Maßnahmen der Regierung keimte, dann hier. Wenn ich Elo irgendwo finden würde, dann hier.

***

 

Während wir langsam weitergingen, blickte ich mich in aller Ruhe um. Wir waren knapp auf der Nordseite der Pitkäsilta-Brücke. Jener Brücke, die schon vor Zeiten die sozialen Schichten voneinander trennte, was der eigentlichen Aufgabe von Brücken widersprach. Rundherum ragten todlangweilige graue Betonwürfel auf. Lebenszeichen waren nirgendwo zu sehen. Es schien, als hätte die Krankheit die Menschen von den Straßen gefegt, gerade so, wie sie die alternde Führung vieler Länder davongefegt hatte: Die Krankheit hatte die alten und kränklichen Politiker, die sich jahrzehntelang an die Macht geklammert hatten, gezwungen, ihren Platz zu räumen. Wir bogen gemeinsam an der nächsten Straßenacke nach links, und was sahen wir da: Aus den Fenstern im obersten Stock eines grauen Hochhauses hingen mehrere große Transparente in verschiedenen Farben. Im Wechselspiel mit ihnen dröhnte eine wirre Predigt aus hoch oben angebrachten Lautsprechern. Die krähenden Boxen und die wehenden Stoffbahnen erzählten dieselbe Geschichte: Wenn die Menschen ihre Lebensweise nicht ändern, war die Krankheit nur ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen würde. „Die Globalisierung ist Vergangenheit!” „Der Raubtierkapitalismus muss sterben!” „Nehmt der Elite die Macht!” „Keine Rückkehr zum Alten, seid bereit für den Wandel!” Die klischeehaften Rufe waren die einzigen Lebenszeichen in der ganzen Umgebung und markierten den Ort, wo Elo sich befinden musste. Mein Freund erriet, wohin ich wollte. Er lief voran und blickte sich zwischendurch um, als wollte er mich zur Eile antreiben. Es war schwierig, barfuß über den rissigen schwarzen Asphalt zu gehen. Auf die Propaganda von Elos Scharen legte ich wenig Wert, aber ich hoffte, dass sie mir Schuhe leihen würden. Ich trat durch die Tür. Oder die Türöffnung, eine Tür gab es nämlich nicht. Sie war mitsamt den Angeln herausgerissen worden. Der Lift funktionierte nicht, na klar. Wir stiegen zu Fuß in den achten Stock hinauf. Die Stufen waren so hoch, dass ich meinen neuen Freund tragen musste. Unterwegs begegnete mir niemand. Nur die Predigt aus den Boxen wurde von Stock zu Stock lauter. In einigen Etagen standen die Türen der Büroräume auf. Ich spähte hinein, sah aber keine Menschenseele. Die Lampen waren ausgeschaltet, in dem Sonnenlicht, das durch die Jalousien hereindrang, schwebte Staub. Aus allen Räumen waren Computer und andere Wertsachen entfernt worden. Offenbar im Namen irgendeines höheren Wohls. Als ich oben ankam, war ich außer Atem und ein wenig durstig. Ohne zu zögern, ging ich durch die offene Tür hinein. Mit meiner zerlumpten Kleidung und meinen wirren Haaren sah ich aus, als gehörte ich dazu, und keiner im Raum beachtete mich. Vermutlich krönten meine nackten Füße das Gesamtbild. Drinnen roch es nicht so sehr nach Hoffnung auf etwas Besseres, sondern nach Kampf um Veränderung. Ich sah Lebenszeichen von Elo. Sie saß auf einem hohen Stuhl und gab den anderen Anweisungen. Ihre Gestalt war genau dieselbe wie in der Studienzeit, aber ihr Verhalten das Gegenteil des früheren.

***

 

Oder vielleicht doch nicht ganz das Gegenteil. War Elo nicht schon damals eine Anführerin gewesen? In ihren manischen Momenten war sie wie ein Lauffeuer, die roten Haare eine flackernde Flamme, die funkelnden Augen loderndes Feuer. Eine Glut, die alte Ideen und Werte versengte – und mein Herz.

Aber es gab auch eine andere Elo. Die niedergeschlagen in ihre Höhle kroch wie eine Maus, wenn sie mit ihren Bestrebungen scheiterte. Dann war unser gemeinsamer Moment, denn das Mauseloch war meine Schulter. Dann summte ich Eppus für sie.

Elo-Maus. Diesen Spitznamen hatte ich ihr gegeben. Ich hatte keinem davon erzählt, auch ihr selbst nicht. In ihrer Elo-Phase war sie der Mittelpunkt von allem, die Anführerin, die auf einem hohen Stuhl saß und Anweisungen gab. Wie jetzt.

Aber viel, sehr viel hatte sich verändert. Das sprühende Feuer, das Lodern der Idee in ihr war erloschen. Oder vielleicht nicht erloschen, sondern irgendwie tiefer geworden, gereift, hatte sich in glühende Kohlen verwandelt.

Auch die Truppe, die sie kommandierte, war nicht wie früher. Wir jungen Studierenden, die wir uns gern radikal nannten, wir waren dabei gewesen, anwesend, nah, beisammen. Wir steckten voller Leben.

Die jetzige Schar, die allerdings so ungepflegt und schmuddelig war wie wir damals, glich einer Militärabteilung. Die Leute standen zwar nicht in Reih und Glied, sondern hingen hier und da herum, aber sie waren still. Es wurde nicht gequatscht, nicht gerufen, nicht diskutiert, nicht kommentiert. Man erwartete Anordnungen. Diese Vogelscheuchen hatten etwas sehr Seltsames an sich.

Und Elo selbst. Gealtert natürlich, aber dennoch äußerlich wie früher. Diese roten Haare, diese dunklen Augen, dieser straffe Körper, die ganze Erscheinung – ich hätte sie überall und jederzeit wiedererkannt. Und doch ganz anders. Unerschütterlich, bestimmend, fest. Wie ein Hauptmann vor seiner Kompanie. Von einer Maus hatte sie ganz und gar nichts mehr.

Ich verfolgte die Sitzung – oder eher die Befehlsausgabe – von der Tür aus, die so weit weg war, dass ich nicht hörte, welche Kommandos Elo ihrer Truppe gab. Jedenfalls gingen die Leute gehorsam und zügig daran, sie auszuführen. In kleinen Gruppen oder einzeln verschwanden sie durch die Türen des großen, hallenartigen Raums.

Erst da „bemerkte“ Elo mich. Ich zögerte. Sollte ich mich vor ihr verbeugen, mit ausgebreiteten Armen zu ihr laufen, etwas Albernes sagen. Sie rettete mich, indem sie ruhig zu mir trat.

„Du siehst elend aus“, sagte sie lächelnd. Dieses schöne, vertraute Lächeln.

„Na ja, es gab da…“, stotterte ich.

„… allerlei“, lachte sie. „Komm.“

Sie drehte sich zur nächsten Tür und drückte auf einen Knopf.

„Gibt es hier einen Lift, der funktioniert?“, fragte ich verwundert, als die Tür aufging. Elo antwortete nicht, wir fuhren nach oben. Dort öffnete sich die Tür zu einer Dachwohnung, wie man sie früher in den Wohnzeitschriften bewundern konnte. Ich schnappte nach Luft und hob meine nackten, schlammbedeckten Füße.

„Mach dir nichts draus“, lachte Elo. „Du kannst gleich ein Bad nehmen, und dann suchen wir etwas Anständiges zum Anziehen für dich. Aber zuerst trinken wir ein Gläschen Lagavulin“, sagte sie und trat an einen Schrank. „Zur Erinnerung an alte Zeiten.“

Lagavulin!, seufzte ich in Gedanken. Gibt es den noch! Und erinnert sie sich auch daran noch! Aber dann gerieten meine Gedanken durcheinander, denn um meine Beine wuselte plötzlich der kleine Hund herum, der mich hergeführt hatte. Dasselbe kleine Pelzknäuel mit den unnatürlich großen Augen und dem glitzernden Halsband!

„De.. de.. der Hund“, stotterte ich.

„Kümmer dich nicht um ihn“, lachte Elo und reichte mir ein Glas. „Das ist nur ein Roboter.“

***

 

 

Ein Roboter! Na, das erklärte so einiges. Und weckte viele Fragen, zum Beispiel: Hatte Elo den Roboterhund darauf programmiert, mich zu holen? Hierher, nach Merihaka, das auch früher schon ein bemerkenswerter Ort gewesen war und jetzt offensichtlich äußerst bedeutsam geworden war. Zumindest für Elo und ihr aktuelles Projekt. Und ja, ich spürte mit jeder Faser meines Körpers, dass ich dabei sein wollte, was auch immer Elo tat. Sie war diejenige, zu der ich gehörte, nicht Mar, und Tek schon gar nicht. Elo ist mein Leben, dachte ich rührselig. Aber hatte Elo all das hier zustande gebracht? Regierte sie es? Im selben Moment drängte sich mir ein schrecklicher Gedanke auf: Wie viele der hier Anwesenden sind Roboter, und woraus hat Elo sie entwickelt? Doch wohl nicht… Aber wieder wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, denn Elo schubste mich, meiner Meinung nach unnötig hart, drückte mir den Lagavulin in die Hand, hob ihr Glas und sagte mit unergründlicher Miene: „Nicht auf alte Zeiten, sondern auf die Zukunft!“

***

 

Ich kippte den Whisky runter. Da machte es in meinem Kopf Knacks. Mir riss der Geduldsfaden, um genau zu sein, auch wenn ich Elo nichts davon sagte. Ich begriff einfach, dass ich es nicht mehr nötig hatte, mich auch nur eine Sekunde lang zu benehmen wie ein unsicherer Teenager. Wie ein kriecherischer Schlappschwanz, der den Frauen brav gehorcht und ihnen erlaubt, sein Leben zu beherrschen. Ich war jetzt frei, ich war ein erwachsener Mann.

Ich hatte die Frauen so satt, die Machtausübung der Frauen, die weiblichen Regierungen, die verschiedenen Bewegungen, die schon vor der Krankheit die Männer dämonisiert und zu erbärmlichen und bemitleidenswerten Wesen gemacht hatte. Plötzlich begriff ich, dass ich die Nase voll hatte von den belehrenden, lenkenden, predigenden Frauen, die versuchten, sich wie Mütter in alles einzumischen. Die Männer hatten in der Gesellschaft keinen Wert mehr und kein Mitspracherecht.

Deshalb hatte ich es nicht geschafft, mir anzuhören, was Elo, meine frühere Geliebte, sagte. Stattdessen waren meine Augen von ihren predigenden Lippen nach unten gewandert, zu ihren Brüsten. Und das war natürlich verboten. Verdammt! Ich hatte nicht in meinen vier Wänden gehockt, um mir für den Rest meines Lebens die Anweisungen der Frauen anzuhören. Ich wollte Männerstimmung. Ich wollte eine Kneipe finden, in der ich ein Bier nach dem anderen kippen und alles rauslassen konnte, was sich während der entsetzlichen Quarantäne aufgestaut hatte.

In der Zimmerecke sah ich Turnschuhe. Ich ging hin und zog sie an. Dann trat ich den Roboterhund in die Ecke.

„Man sieht sich!“, sagte ich zu Elo und rannte die Treppe so schnell hinunter, dass ich über meine Agilität selbst überrascht war.

Draußen spürte ich eine gewaltige Zwanglosigkeit. Ich erkannte die Richtung in mir. Rasch überquerte ich die Pitkäsilta-Brücke und marschierte in Richtung Zentrum. Auf der Mannerheimintie sah ich eine Warteschlange und hörte Bassgedröhn. Ich stellte mich ans Ende der Schlange. Wofür man hier anstand, wusste ich nicht. In der Schlange standen sauber gekleidete Leute in meinem Alter. Um die 50. Meine Kleidung war zerlumpt. Am Eingang hielt der Türsteher mich an.

„Hast du ein Impfzeugnis?“, fragte er.

„Gegen Mumps?“, fragte ich zurück.

„Hast du die Krankheit gehabt oder bist geimpft worden? Wenn nicht, hau ab und zwar plötzlich“, sagte der Türsteher.

„Weiß ich nicht“, antwortete ich.

„Herrgott! Zeig mir dein Telefon“, bat der Türsteher.

Ich holte mein Telefon hervor. Das Gerät des Türstehers piepte.

„Du hast die Krankheit gehabt, ausgiebig“, sagte er. „Herzlich willkommen in der Disco.“

Ich war in einer Disco gelandet. Als ich die funkelnde Spiegelkugel über meinem Kopf sah, überkam mich ein seltsames, liebevolles Gefühl. Als wäre ich nach Hause gekommen. Ich bestellte zwei Bier und trank sie hastig. Dann tauchte ich in die Menschenmasse ein. Ich dachte nicht an Sicherheitsabstand, Viren, Schnupfen oder Durchfall. Ich schloss die Augen und ließ mich von der Musik tragen. Hemmungslos schmiegte ich mich an alle Menschen in meiner Nähe. Ich war wieder fähig, unbekannten Menschen zu vertrauen. Ich schwebte geradezu über dem Parkett. Es war berauschend, fröhliche, tanzende Menschen zu sehen. Unterschiedliche Menschen.

***

 

letztes Update: 26.5.