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21.02.2022

Tag der Muttersprache. Interview mit Em. Prof. Christoph Parry.

Am 21.2. wird global der Tag der Muttersprache gefeiert. Zu diesem Anlass traf Robert Seitovirta sich mit Em. Professor Christoph Parry, der in seinem Buch Schreiben jenseits der Nation. Europäische Identitätsgestaltung in der deutschsprachigen Literatur seit 1918 (2021) auf die Problematik des Verhältnisses zwischen Literatur, Sprache und Nation eingeht. Unter anderem stellt sich die Frage, ob es eine Muttersprache, so wie wir sie kennen, überhaupt gibt.


Herr Prof. Christoph Parry, Sie sind mehrsprachig aufgewachsen. Wie hat es Ihr Leben beeinflusst?

 

Meine erste Sprache ist wahrscheinlich die Sprache meiner Mutter, nämlich Deutsch. Als ich anfing zu sprechen, lebte ich in Singapur und hatte eine malaiische Amme. Sie hat mit mir malaiisch gesprochen, also ist meine zweite Sprache malaiisch. Nur habe ich jeden Kontakt zur malaiischen Sprache seitdem verloren, ich habe die Sprache ganz vergessen. Aber ich glaube, dass das was geblieben ist, was von vornherein wirksam war, ein Bewusstsein darüber, dass sich dieselben Dinge unterschiedlich sprachlich ausdrücken lassen. Eine weitere Erfahrung, die ich gemacht habe, ist, dass nicht alle immer verstehen, wenn man was sagt. Das habe ich schon als Zweijähriger begriffen. Es gibt eine Familienlegende, ob sie stimmt oder nicht, das weiß ich nicht, aber meine Eltern haben immer erzählt, dass der erste Satz, den ich auf Englisch gesagt habe, ein Satz gewesen ist, den ich aus dem Kindergarten in Singapur nach Hause brachte, nachdem die anderen mich nicht verstanden haben. Der Satz lautete: „Speak English or Malay“. Und da ich kein Englisch konnte, bin ich da offensichtlich mit malaiisch zurechtgekommen.

Dann sind wir nach Europa gezogen und ich war ein paar Jahre in England und in Nigeria, bin da in die Schule gegangen und auf Englisch eingeschult worden. Englisch und Deutsch haben mich also die ganze Zeit begleitet, manchmal stärker Englisch, manchmal stärker Deutsch. Wahrscheinlich habe ich nach vielem hin und her Überlegen Deutsch als Studienfach gewählt, weil ich doch ein bisschen meine Wurzeln suchen wollte. Oder mindestens wollte ich eine feste Verbindung zur deutschen Sprache beibehalten. Deutsch wird von vielen als Muttersprache gesprochen und ist als solches, im Gegensatz zu kleinen Sprachen, nicht kulturell gefährdet, aber trotzdem, glaube ich, ist es wichtig, dass man auch im Verhältnis zum Deutschen überlegt, was die kulturelle Bedeutung von Deutsch als Muttersprache ist. Ist Muttersprache unbedingt dasselbe wie eine Nationalsprache? Das ist es in den meisten Fällen, aber wenn wir von kleinen Sprachen ausgehen, dann sind es meistens keine Nationalsprachen, sondern leider ‚Ergänzungen‘ zu einer anderen Identität.

Das Problem, wie ich es sehe bei dem Begriff „Muttersprache“ ist, dass es benutzt wird, um Leute auf eine bestimmte Sprache festzulegen. Zum Beispiel musste ich für die Aufenthaltsgenehmigung für Finnland ein Formular ausfüllen, wo nach der „Muttersprache“ gefragt wurde. Ich schrieb „Deutsch und Englisch“, aber das wurde nicht anerkannt. Man kann nicht zwei haben. Und für die Kinder genau dasselbe. Die wollten wissen, Finnisch oder Schwedisch, und als man dann Deutsch schrieb, war das auch nicht so ganz richtig. Das ist tatsächlich ein Problem, nicht nur mein Problem, sondern ein Problem vieler mehrsprachiger Familien – was ihre offizielle sprachliche Identität und was ihre gefühlte sprachliche Identität ist.

 

Das ist ein sehr relevanter Unterschied. In Ihrem neusten Buch Schreiben jenseits der Nation. Europäische Identitätsgestaltung in der deutschsprachigen Literatur seit 1918 gehen Sie im Weiteren auf das problematische Verhältnis zwischen Literatur, Sprache und Nation ein. Der Begriff der Muttersprache spielt im Buch auch eine wichtige Rolle. Worum geht es im Kern in Ihrem Buch und bei der Problematik, die Sie behandeln?

 

Es geht um die Annahme, dass wenn man Deutsch schreibt, müsste man eigentlich Deutscher sein. Das ist eine Annahme, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr stark vertreten war und vom Schulsystem stark gefördert wurde. Es ist eine Annahme, die eigentlich nicht der geographischen Realität sehr vieler auf Deutsch schreibender Autoren voll entsprach. Zu den Autoren, die ich behandle, gehören solche, die eine andere Muttersprache haben als Deutsch. Es sind Autoren dabei, die vielleicht mehrsprachig waren, aber sich doch am meisten zum Deutschen hingezogen fühlten, aber sich mit einer bestimmten deutschen Nation nicht identifizieren konnten.

Das Buch fängt mit dem ersten Weltkrieg an, aber einige von den Autoren, die ich behandle, sind vor dem ersten Weltkrieg sozialisiert worden. In Österreich-Ungarn war die Sprachideologie nicht ganz so ausgeprägt, wie in Preußen-Deutschland, weil Deutsch im Habsburgerreich doch keine Mehrheitssprache war. Autoren, die da sozialisiert wurden, waren zum Beispiel Joseph Roth, oder Ödön von Horváth. Es gibt zudem einen sehr interessanten Fall, den ich im Buch schließlich nicht behandelt habe, weil die Geschichte zu kompliziert wurde, nämlich Elias Canetti.

 

Worum ging es bei der Geschichte mit Canetti?

 

Elias Canetti ist eigentlich in Bulgarien aufgewachsen und hatte Ladinisch als Muttersprache. Später ist er durch halb Europa gewandert und ist schließlich in Manchester gestorben als ein Nobelpreisträger für (deutsche) Literatur. Er hat erst auf seinen Wanderungen Deutsch gelernt, in der Schweiz und in Österreich, aber hat sich entschieden, Deutsch als seine Literatursprache zu behalten. Auf Canetti gehe ich im Buch nicht besonders ein, aber worauf ich eingehe im Buch, sind auch solche Autoren, die sich ganz mit der deutschen Sprache, und vielleicht auch mit der deutschen Kultur, oder mit einer deutschen oder deutsch-österreichischen Identität, verbunden gefühlt haben, denen aber das Recht auf diese Identität abgesprochen wurde.

Dabei handelt es sich um einen Konflikt, der bereits im Prager Sprachkonflikt Ende des 19. Jahrhunderts sichtbar wurde und einen sehr großen Einfluss auf das Werk von Kafka hatte. Bei den von mir behandelten Autoren ist das ein Konflikt, der etwa am Beispiel von Jean Améry, der früher Ha(n)ns Mayer hieß, klar wird. Ihm wurde in den 1930er-Jahren klar, dass er als Jude, katholisch erzogen, aber doch jüdischer Abstammung, nicht zu dem Österreich gehören durfte, das die Nazis einrichten wollten. Sein Schicksal spielt eine ziemlich große Rolle, auch eine wiederkehrende Rolle im Buch, weil diese Problematik, wie sie Améry erfahren hat, dann in der Nachkriegsliteratur auch von anderen aufgegriffen wurde, ganz speziell von W.G. Sebald.

Deswegen habe ich die Kapitel im Buch mit unterschiedlichem Fokus eingeteilt. Ein Kapitel trägt die Überschrift „Ausgewanderte“ und ein Kapitel heißt „Eingewanderte“. Sebald ist einer der Ausgewanderten gewesen, er hatte keinen biographischen Grund sich von Deutschland zu distanzieren, dafür aber einen historischen Grund. Er wollte Abstand nehmen zu Deutschland wegen der Schuld im zweiten Weltkrieg. Es ist sehr schwer auch nach dem Zweiten Weltkrieg mit ganz reinem Gewissen Deutsch zu schreiben, ohne darüber nachzudenken, wie viele Leute nicht haben Deutsch schreiben dürfen. Ein Punkt den Améry, der schließlich in einem KZ gelandet ist, in seinen autobiographischen Schriften erwähnt und was ihn besonders störte, war, dass jeder in der SS, egal wie ungebildet er war, für sich das Recht in Anspruch nahm deutsche Kultur zu vertreten. Eine Kultur, von der er vielleicht sehr viel weniger Ahnung hatte als Améry selbst, der sich doch um seine Bildung gekümmert hatte. Das ist auch ein wiederkehrender Gedanke, den Heinz Schlaffer in seiner kurzen Geschichte der deutschen Literatur aufgreift. Er schreibt über die ganze jüdisch-deutsche Intelligenz, die sich fast mehr um den Erhalt der deutschen Kultur bemüht hat als sehr viele lautstark patriotischen Deutschen.

Das letzte Kapitel von meinem Buch ist „Jüdische Geschichten“ betitelt und da erscheint diese Problematik in mehreren Variationen bei mehreren Autoren. Auch da können sehr unterschiedliche Einstellungen, auch zum Judentum, festgestellt werden. Da gibt es Barbara Honigmann, die aus einer säkular-kommunistischen Familie kommt und zum jüdischen Glauben zurückgefunden hat und es sehr ernst nimmt als Religion. Und andere, die den religiösen Aspekt nicht so genau nehmen, aber doch kulturell sich zum Judentum verbunden fühlen. Da ist Améry wieder sehr hilfreich, weil er die begriffliche Unterscheidung gemacht hat zwischen jüdisch sein oder Jude sein als eine von außen aufgezwungene Identität.

 

Wie Sie auch schon zu Worte gefasst haben, ist die Frage nach der Muttersprache eine politische Frage. Was bedeutet es für Sie persönlich, wenn Sie über Muttersprache denken, hat es für Sie eine Bedeutung und wenn ja, was für eine?

 

Ich war sehr froh, dass ich meinen Kindern als sie ganz klein waren mit deutschen Kinderreimen und auch teilweise mit deutschen Kindergeschichten, die Sprache vermitteln konnte. Meine Frau hat den Kindern auch finnische Wortspiele vermittelt. Dabei haben wir eigentlich keine ganz korrekte zweisprachige Erziehung gemacht, denn wir hatten als Haussprache primär Deutsch. Weil die Umgebungssprache Finnisch war, hat das dazu beigetragen, dass Deutsch erstmal ein bisschen stärker blieb. Es hat die Jahrzehnte als die stärkste Sprache meiner Kinder nicht überlebt, aber immerhin ist es bei ihnen noch eine stark vorhandene Sprache. Ich glaube, die Kinder hatten ihre Freude sowohl an finnischen als auch an deutschen Wortspielen.

 

Und somit kommt man auch zu dem wichtigen Unterschied: Erstens, was Muttersprache persönlich bedeutet oder für die eigenen Kinder bedeuten kann und zweitens, wie Muttersprache wahrgenommen wird auf einer nationalen Ebene. Darin liegt eine der großen Diskrepanzen, die Sie auch im Buch behandeln. Ich glaube, gar mancher ist sich darüber nicht bewusst, dass das Konzept der Muttersprache, so wie es uns in der Schule beigebracht wird, eigentlich eine relativ neue Erscheinung in unserer Geschichte ist. Wann ist es dazu gekommen, warum ist es dazu gekommen und glauben Sie, es wird anhalten?

 

Es gibt eine ziemlich kurze Antwort, nämlich mit der Alphabetisierung. Auch die Demokratisierung der Bildung hängt damit zusammen. So lange nur eine kleine Elite gebildet war, und diese Elite auf quasi lateinisch gebildet war, war es ziemlich egal, wer welche Sprache sprach. Das ist ein Zustand im späten Mittelalter oder im hohen Mittelalter. In dem Maße, wie andere Sprachen verschriftlicht werden, in dem Maße, wie die Alphabetisierung der Bevölkerung zunimmt, in dem Maße entsteht auch die artifizielle Verbindung von Muttersprache und Nationalsprachen. Mit dem Wachsen der Nationen werden einige Muttersprachen als Nationalsprachen anerkannt. Dabei muss man auch erwähnen, dass das Deutsch, das in der Schule unterrichtet wird, nicht identisch mit der Muttersprache der deutschen Bevölkerung ist. In jeder Familie wird die Sprache praktisch anders gehandhabt.

 

Das ist ein sehr interessanter Punkt und auch etwas, dessen sich viele wohl auf irgendeiner Ebene bewusst sind, aber wenn man das laut ausspricht, klingt es ja doch schon ziemlich gewagt. Aber gerade darum geht es ja. Trotzdem kann man daran festhalten, dass Deutsch die meistgesprochene Muttersprache in Europa ist.

 

Wobei man auch feststellen muss, dass das Gebiet, in dem Deutsch gesprochen wird, durch zwei Weltkriege sehr viel kleiner geworden ist. Früher gab es vor allem in Ost- und Ostmitteleuropa ein riesiges Gebiet, wo Deutsch koexistierte mit anderen Sprachen, und zwar bis nach Tallinn, vor dem ersten Weltkrieg. In den Zwischenkriegsjahren ist weitgehend die deutschsprachige Oberschicht aus den baltischen Ländern allmählich zurückgezogen, aber vor dem ersten Weltkrieg spielte die deutsche Sprache eine ziemlich große Rolle. Vor allem in den baltischen Ländern und dann natürlich auch in Österreich-Ungarn durch die eigentliche Staatssprache, die teilweise eingeführt wurde. Auch dadurch, dass Deutsch als Verkehrssprache über weite Strecken verstanden wurde, war das Gebiet einfach sehr viel größer. Da das Sprachgebiet nicht national definiert wurde, war es demzufolge etwas künstlich, Deutsch als Nationalsprache zu erfinden. Auch nach dem zweiten Weltkrieg ist es auffällig, dass einer der bekanntesten Romanschreiber der Bundesrepublik (Günter Grass) im mehrsprachigen Danzig geboren und aufgewachsen ist, und der wahrscheinlich bekannteste Lyriker (Paul Celan) ist in Rumänien geboren, das heute Ukraine ist, aber eben auch ein Relikt einer deutschsprachigen Gemeinschaft, die gerade noch den Ersten Weltkrieg überstanden hat, aber den Zweiten nicht mehr.

 

Eine Frage hätte ich noch an Sie zum Schluss. Haben Sie irgendwelche Grüße, die Sie am Tag der Muttersprache denjenigen ausrichten möchten, die jetzt darauf aufmerksam werden, dass es so etwas gibt. Worüber sollten Menschen denken, wenn sie vom Tag der Muttersprache hören?

 

Vielleicht tatsächlich über die ganze Sprachenvielfalt und überlegen, mit wie vielen Sprachen sie im Alltag tatsächlich konfrontiert werden. Auch ganz einfach im Zusammenhang mit Fremdwörtern, mit Kultureinflüssen von anderswo und dass sie die Vielfalt besser schätzen lernen. Ich denke da auch an Finnland, dass sehr lange nur Finnisch und Schwedisch gewürdigt hat als die Sprachen im Lande, aber inzwischen werden auch die indigenen samischen Sprachen endlich anerkannt. Man müsste aber auch in Finnland anerkennen, wie viel zum Beispiel Somalisch im Umlaufe ist. Überhaupt dieses Nebeneinander von Sprachen. Natürlich ist es wichtig, dass in der Schule eine Sprache benutzt wird, wo die Leute alle Lebensbereiche lernen zu beherrschen, aber das sollte nicht auf Kosten der anderen Sprachen geschehen, die vielleicht für die meisten Leute in irgendwelchen Teilbereichen eine Rolle spielen. Eben dieses Bewusstsein, dass wir fast alle ein bisschen mehrsprachig sind. Jeder hat ein paar Einflüsse von anderen Sprachen, bei denen man nicht immer unbedingt wahrnimmt, dass es sich um Einflüsse von anderen Sprachen handelt.

 

Das ist gut gesagt. Vielen, vielen Dank für das Interview.

 

Christoph Parry: Schreiben jenseits der Nation. Europäische Identitätsgestaltung in der deutschsprachigen Literatur seit 1918. De Gruyter, 2021. Erhältlich in der Deutschen Bibliothek.