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30.03.2020 Kategorie: Aktuelles

Eine vorläufig namenlose Geschichte

Jetzt geht es weiter!

Die Filiale Käpylä der Stadtbibliothek Helsinki – in diesen Zeiten ebenso geschlossen wie die Deutsche Bibliothek in Helsinki – hat ein Schreibprojekt ins Leben gerufen: Finnische Autorinnen und Autoren (u.a. Jukka Laajarinne, Sami Hilvo, Laura Lindstedt, Riina Katajavuori, Marja-Leena Mikkola, J Pekka Mäkelä, Sanna Pelliccioni, Satu Koskimies, Johanna Venho, Vilja-Tuulia Huotarinen, Sini Helminen, Briitta Hepo-Oja und Kimmo Oksanen) und Nicht-Profis schreiben eine Fortsetzungsgeschichte, zu der jeder ein Stück beitragen kann – es gibt schon eine Warteliste. Koordiniert wird das Projekt von Kari Juhola, und der bisher entstandene Teil ist auf der Helmet- und der Facebook-Seite der Käpylä-Bibliothek auf Finnisch zu lesen (ab 3.4. auf https://jatkuvatarina.blogspot.com).

<font face=""Courier New""></font><font color="#004000"></font><font face=""Courier New""></font><font color="#b06400"></font>Ab heute erscheint auf der Webseite und der Facebook-Seite der Deutschen Bibliothek Helsinki die deutsche Übersetzung der Fortsetzungsgeschichte – schneller kann Literaturtransfer kaum sein! Schauen Sie rein – jeden Tag kommt eine neue Fortsetzung hinzu.


Eine vorläufig namenlose Geschichte

 

1.

Eigentlich hatte er den Weltuntergang sein ganzes Leben lang erwartet. In den Achtzigerjahren hatten er und die anderen Kinder pilzförmige Wolken von Kernexplosionen in ihre Schulbücher gemalt. Die Amis und die Russen hatten sich gegenseitig gedroht und immer neue Raketen entwickelt, und im Fernsehen wurde erklärt, was in welchem Radius passieren würde, wenn eine Megatonnenbombe das Zentrum von Helsinki träfe. In Scifi-Geschichten, die er gelesen hatte, lösten die Atomexplosionen elektromagnetische Pulse aus, die alle Elektrogeräte zerstörten, und die Menschen schlossen sich zu Banden zusammen, die um Nahrung und Schutz kämpften. Der Fallout regnete vom Himmel, und der in die Atmosphäre aufgestiegene Staub verursachte einen anhaltenden Winter und katastrophale Missernten.

Obwohl sie alle dem Atomkrieg entgingen – er wurde bis auf Weiteres abgesagt – gab es andere Möglichkeiten des Untergangs.

Es interessierte ihn eigentlich nicht, was passieren würde, wenn ein Riesenasteroid mit der Erde kollidierte. In der Situation könnte man ja absolut nichts mehr tun. Alles wäre schnell vorbei. Über anderes machte er sich eher Gedanken, zum Beispiel über den Klimawandel. Manche Städte würden überflutet, in anderen wäre das Weiterleben unmöglich, weil das Land um sie herum trocken und unfruchtbar würde. Gewaltige Völkerwanderungen wären die Folge. Tausende Tier- und Pflanzengattungen, nein, ganze Ökosysteme würden vernichtet.

Tatsächlich könnte allein schon das Verschwinden der Bestäuberinsekten zu einer riesigen humanitären Krise führen. Er wusste nicht genau, in welchem Ausmaß die Nahrungsmittelproduktion von den Bienen abhängig war, aber es ging um mehr als nur um Honig. Früchte und Beeren, die Vögeln und anderen Tieren als Nahrung dienten… Das Aussterben der Bienen würde zu einer Hungersnot führen.

Spätestens in der Zeit der AIDS-Hysterie war ihm klargeworden, dass sich eines Tages von China her eine Krankheit ausbreiten würde, die von Tieren auf Menschen übertragen wurde, gegen die es kein Heilmittel gab und die im besten Fall fast die gesamte Menschheit vernichten würde. Überleben würden nur die, die ein besonders starkes Immunsystem besaßen. Oder nur die, die sich rechtzeitig in unterirdischen Bunkern isoliert hätten, in die nur gründlich gefilterte Luft eindrang.

Im besten Fall? Er wiegte langsam den Kopf. Hatte er tatsächlich so gedacht? Im besten, nicht etwa im schlimmsten Fall.

Ja.

Denn als die Krankheit zum täglichen Hauptthema der Nachrichten geworden war und ein Land nach dem anderen die Freizügigkeit seiner Bevölkerung eingeschränkt hatte, wusste er es: das ist es jetzt. Es wird endlich wahr!

 

Als die Entscheidungsträger und die Leitartikel der Zeitungen wiederholten: „Es ist etwas Unerwartetes geschehen. Wir befinden uns auf fremdem Boden”, hatte er sie nicht verstanden. Genau das hatte man doch seit Jahrzehnten erwartet. Er war nicht auf fremdem Boden, sondern auf vertrautem.

 

Er hatte das Gefühl, nach Hause gekommen zu sein.

 

Doch darauf war er nicht vorbereitet gewesen: Die Krankheit war besiegt worden. Die monatelange allgemeine Quarantäne war aufgehoben. Heute durfte er seine Wohnung verlassen und in das Leben vor der Krankheit zurückkehren. Und er durfte es nicht nur. Er musste. Von jedem wurde nun Solidarität beim Wiederaufbau der Wirtschaft erwartet.

 

***

 

Bei diesem Mantra der Regierung konnte einem speiübel werden: Die Wirtschaft ankurbeln. Mit derselben Formel hatten ähnliche Idioten den ganzen Mist verursacht. Im Kielwasser der Wirtschaft reisen wir ins Glück. Quatsch, im Kielwasser der Wirtschaft waren wir genau an diesen Punkt gereist. Und jetzt sollte es so weitergehen?

 

Wie blöd kann der Mensch sein? Die Antwort hatte mir schon lange vor Augen gestanden, das Ende der Quarantäne änderte daran nichts. Ich konnte nicht die einzige sein, die kapierte. Immerhin hatten wir monatelang wie Termiten in unseren Löchern gehaust.

 

Heftig atmend ballte ich die Fäuste. Ich brannte darauf, mit jemandem über meine Gedanken zu reden. Wenn man im Dunkeln steht, sieht man besser ins Licht, wie aus unserer früheren Welt in die Hölle der letzten Zeit. Wir müssen begreifen, wir müssen uns ändern. Nicht die Wirtschaft ist die Lösung, sondern die Liebe.

 

Pfeif auf die anderen, ich wusste, was ich zu tun hatte, um die Rückkehr in mein Leben zu ertragen. Ich trat aus dem zugemüllten Treppenhaus nach draußen, die Sonne begriff, sie liebte mein Gesicht.

 

***

 

Die harte Frühsommersonne ließ die Landschaft monochromatisch erscheinen, meine Augen begannen bald zu triefen, die scharfen Kontraste machten die sichtbare Welt gerade so schwarzweiß wie sie es in letzter Zeit in meinen Gedanken gewesen war.

 

Wie blind waren die Menschen eigentlich gewesen? All das Gerede von ethischer Führung und die Beteuerung, man heiße weiche Werte willkommen, waren nur billige Vernebelung gewesen, mit der man die breite Masse im Zaum hielt; der Medienbereich hatte sich mit erwachsenen Babys gefüllt, die über ihre Enttäuschungen greinten, und Kindern durfte man alles Mögliche vorquasseln, und die böse Welt war irgendwo weit weg, wohin die Urlaubsflüge der Finnair nicht reichten. Hinter allem hatte jedoch, wie immer schon, der alles zerstörende Superkapitalismus das Sagen. Worte und Taten stimmten nicht überein. Das Geld floss in die Taschen immer kleinerer Kreise, und am meisten wurden die ausgebeutet, die ohnehin am schlechtesten dran waren. Dazwischen stand die Mittelschicht, deren Konsumgeld von Minikreditfirmen und diversen Balancekrediten der Banken geliefert wurde. Kurzlebiger Ramsch aus China, um die Lücke zu füllen, in der eigentlich die Seele sein sollte.

 

Vor der Krankheit gab es die Angst vor dem Klimawandel, auf die vor allem die Mittelschicht reagierte. Die Allerärmsten konnten auf nichts anderes mehr verzichten als auf das superbillige Hackfleisch, dessen Verzehr die Mittelschicht ihnen ankreidete. Die Reichen interessierte das Thema schlicht und einfach nicht. Beide Gegenpole lachten sich ins Fäustchen, als die Mittelschicht zuerst auf Klimademos ging und aus der Americana kopierte Slogans auf Englisch brüllte, um anschließend im Winterurlaub nach Berlin zu fliegen und vegane Bio-Avocado-Brote zu genießen.

 

Doch die Krankheit löste die Klassengrenzen auf. Die Krankheit machte keinen Unterschied zwischen Armen und Reichen oder Erfolggekrönten und Losern. Die Krankheit verband, alle hatten dieselbe Sorge.

 

Die Krankheit reinigte, auch wenn wohl nicht viele gewagt hätten, so zu denken oder es gar laut zu sagen!

 

Aber ich wagte den Gedanken: Wenn genügend andere dieselben Zukunftsmöglichkeiten sähen, könnten wir die Utopie bestimmt erreichen!

 

Oder nein, vielleicht nicht die Utopie, das Wort hat so einen säuerlichen Beigeschmack.

 

Könnte man die Welt der Zukunft sozusagen aus der Sicherheitskopie wiederherstellen, aber mit Wahlmöglichkeiten? Alle Scheiße weglassen? Könnte man bestimmte Dinge wieder neu installieren: Umarmungen, Tanz, Feiern, Theater, Tourneen, Festivals, Freunde, Restaurants, Einladungen zum Abendessen, Besuch bei der Oma, Karaoke, Sauna, funktionierenden Nahverkehr, Empathie, Konzentration auf das Wesentliche und eventuell, nach reiflicher Überlegung, den Eurovision Song Contest?

 

Und könnte man anderes abwählen: Flugzeuge, Luxuskreuzfahrten, Shopping, Fast Fashion, Billigproduktion, Hektik, Stümperei, überflüssige Sitzungen, Habgier, Selbstsucht, Steuerparadiese und alle schädlichen Ismen?

 

Ich hielt die Aufgabe nicht für unmöglich, aber für schwierig. Mit meinen Gedanken schien ich allein dazustehen, aber tief drinnen spürte ich, dass es vielleicht doch nicht so war.

 

***

 

2.

 

#

 

„Ich hab tausend beisammen”, sagte Mar.

 

„Herzlichen Glückwunsch”, antwortete ich. „Ich bin wieder rückfällig geworden.”

 

„Lass mich raten. Bist du produktiv gewesen? Und planvoll? Das sieht man dir an. Man hat es dir immer angesehen.”

 

Mar hatte recht.

 

„Du bist beinahe unters Auto gekommen, Mar. Hast du vor gar nichts Angst?”

 

„Wenn du Weltuntergänge meinst, Atompilze, böse Planeten, Klimakatastrophen, Chinesen, Polizisten, Steuern, Regierungen, Hochs und Tiefs der Wirtschaft… Was noch?”

 

„Krankheiten.”

 

„Die Krankheit”, flüsterte Mar.

 

„Oder der Tod.”

 

„Ach ja, der Tod!”, jauchzte Mar. „Ich fürchte nichts.”

 

Mar war über die Straße gerannt, als sie mich gesehen hatte. Dabei wäre sie beinahe unters Auto gekommen. Das Auto war eins dieser gepanzerten neuen Modelle. Denen hielt nichts stand, und sie ließen sich von nichts aufhalten. Von Tag zu Tag gab es mehr davon.

 

Die Sonne des Frühsommers, die mein Gesicht liebte, hatte Mars Gesicht verbrannt. Mar hatte sich seit Tagen nicht gewaschen. Man roch es.

 

„Wann bist du zuletzt aus dem Haus gegangen?”, fragte ich.

 

„Vielleicht am Dienstag.”

 

„Was hat dich jetzt rausgelockt?”

 

„Das Geräusch des Kartoffelwagens.”

 

Die Frage, ob Mar Kartoffeln gekauft hatte, erübrigte sich, denn sie hasste Kartoffeln. Das Rumpeln des Karrens auf dem Kopfsteinpflaster hatte ausgereicht, um sie nach draußen zu locken, doch dann hatte kein einziger Zufall sie zurückgeführt. Es ging nicht darum, dass sie nicht gewusst hätte, wo sie wohnte, sondern darum, dass sie die Rückkehr nicht planen wollte, schon gar nicht jetzt, wo sie tausend Tage Untätigkeit beisammen hatte. Einen solchen Rekord brach man nicht so leicht. Mar hatte auch mich dazu herausgefordert, „planlose hundert” zu probieren, aber ich hatte mich schon am ersten Tag zum Planen verleiten lassen, bloß weil ich über meine eigene Zukunft und die der ganzen Welt nachgedacht hatte.

 

Mar war auch hungrig. Das sah mani hr an. Man hatte es ihr immer angesehen.

 

„Du musst was essen, Mar.”

 

„Ich weiß, aber ich kann es nicht planen, nicht heute. Morgen vielleicht, aber nicht heute.”

 

Tausend Tage.

 

„Machen wir es so, dass ich gleich ziellos umherstreife, wohin der Wind mich führt…”

 

„Klingt gut!”, rief Mar.

 

„… und rein zufällig führt der Wind mich nach Hause, und du kommst mit.”

 

Mar schien zu zögern. Irgendetwas an diesem Wind würde vielleicht gegen ihre Untätigkeit verstoßen.

 

„Ich nehme dich an der Hand und lotse dich vorwärts, sodass du nichts zu planen brauchst. Wäre das gut, Mar?”

 

„Das wäre gut.”

 

„Und dann, immer noch rein zufällig, würdest du dich unter der Dusche wiederfinden, mit echter Seife, und die Seife würde dich waschen.”

 

„Mmmh…”

 

„Nachdem das Handtuch dich getrocknet hätte, würdest du in der Küche landen, und dort würde Essen auf dich warten.”

 

„Musst du deswegen auf den Markt gehen? Das wäre ja ein Plan und könnte gegen meinen Eid verstoßen. Es würde deinen Eid brechen, und ich will nicht mitschuldig sein…”

 

„Das Essen ist im Ofen. Ich hatte aus Versehen zuviel gemacht. Ich hab gegessen und den Rest im Ofen vergessen. Der Ofen hat sich von allein ausgeschaltet, als das Essen gar war. Vielleicht schalte ich ihn versehentlich wieder ein, wenn ich ohne jede Absicht in der Küche herumtapse. Das Essen würde von selbst warm, während das Wasser dich wäscht.”

 

Zu Hause würde ich Mar unter die Dusche stellen, den Auflauf aus dem Gefrierschrank holen und den Ofen einschalten, ganz normal, wie immer, aber das brauchte Mar nicht zu wissen, sonst würde der ganze Plan scheitern.

 

„Wie hört sich das an, Mar?”

 

Mars Magen knurrte. Sie malte sich das Essen aus, war aber unverkennbar besorgt. Dann begann sich das Bild zu klären. Das sah man ihr an. Man hatte es ihr immer angesehen.

 

„Hast du zufällig Tee?”, fragte sie.

 

„Ja.”

 

„Wann hast du den gekauft?”

 

„Ich hab ihn geschenkt bekommen.”

 

„Könnte mit dem Tee auch ein kleines Versehen passieren?”

 

„Natürlich.”

 

Mars Miene hellte sich auf.

 

„Wohin der Wind uns führt!”, jubelte sie und zog mich zu der Straße, an der ich wohnte.

***

 

Ich stelle meine leere Teetasse auf den Tisch, die Sonne des Frühsommers wirft ihre Strahlen noch darauf.

 

Die Freiheit fühlt sich chaotisch und unermesslich wertvoll an.

 

Ich versuche mich auf den Inhalt der braunen Papiertüte zu konzentrieren, den ich gekauft habe.

 

Mit meinen wild hüpfenden Gedanken grabe ich mich ins Innere des Wollknäuels ein.

 

Die Banderole hält das Knäuel zusammen, ich empfinde die Enge als beruhigend.

 

Die Wärme treibt mir Schweißperlen auf die Stirn. Ich wische sie ab und öffne meinen Blick für die Farbe, die durch das Garn läuft, sie wechselt.

 

Während das Rosa meine weiche Umgebung beherrscht, blitzt hier und da Frühlingsgrün mit Weiß hervor, schüchtern.

 

Ich erlaube meinen Fingern, sich ins Weiche zu schieben, und die Zeit beginnt meine Gedanken zusammenzustricken.

 

Unnötig, mich zu fürchten, die Dinge neigen dazu, sich zu klären. Auch Knotenpunkte lösen sich, wenn man die Geduld hat, innezuhalten, sich Aufschub zu gönnen.

 

Unlösbare Knoten kann man noch fester zusammenziehen und hinter sich lassen wie das gelebte Leben.

 

Alles hat seinen Sinn, auch wenn man ihn vor lauter Staub nicht immer sieht.

 

Die entspannende Wirkung der Wolle kriecht langsam in meinen Körper. Ich atme den Geruch der Lämmer ein, rein, kräftig.

 

Ich finde den Anfang und trete aus dem Knäuel heraus.

 

Wieder schlage ich neue Maschen auf und lasse meinen Sinn auf die Nadeln wandern.

 

***

 

Die Badezimmertür öffnet sich knarrend. Die Tropfen, die aus Mars Haaren fallen, zeichnen ein Muster auf den staubigen Läufer im Flur, wie beim Rorschach-Test.

 

„Hat das warme Wasser gereicht?”

 

„Ja. Nein. Ich weiß nicht. Wofür?”

 

Okay. Besser nicht ausquetschen. Mars zerbrechlicher Müßiggang gerät leicht aus der Bahn, deshalb behütet sie ihn so ungestüm. Eine einzige unvorsichtige Frage, ein z ulanges Verharren bei einem Gedanken, kann eine Kettenreaktion in Gang setzen, die tagelange Arbeit über den Haufen wirft.

 

In dieser Welt nach der Krankheit gibt es viele Menschen wie Mar. Diejenigen, die sich von Plänen, Strukturen, Szenarien betrogen sehen, von der internationalen Politik bis hin zu den persönlichsten Wünschen. Was nützen Träume, Sparbücher, frisch gepflanzte Apfelbäumchen, Fertilitätsbehandlungen, wenn jederzeit alles abgeblasen werden kann? Schluss. Abgesagt. Vorläufig geschlossen. Mar und ihre Gesinnungsgenossen haben sich vorgenommen, all dem einen Schritt voraus zu sein.

 

„Komm an den Tisch. Hier steht zufällig ein Stuhl für dich.”

 

Ich nehme die Papiertüte vom Stuhl und lege das Wollknäuel vorsichtig obenauf. Seine Zeit würde noch kommen. Bald wäre es Zeit für die weiche, warme Flockigkeit, für die zart gefärbten Träume des Frühsommers. Ich hatte eine andere Wahl getroffen als Mar: Ich hatte beschlossen, hartnäckiger an meinen Träumen festzuhalten als je zuvor. Nie mehr würde ich zulassen, dass irgendwelche Börsenkurse und Quarantänen und Raketenangriffe sich zwischen mich und meine Träume drängten.

 

Hier sitzen wir uns nun gegenüber, wir beiden Extremfälle. Gleichermaßen albern und unerbittlich in unseren Entscheidungen. Vielleicht kann ich deshalb nicht anders, als Mar zu respektieren und ihre Regeln genau einzuhalten, da sie zufällig gerade auf meinen Flurläufer Wasser tropfen lässt. Plötzlich stimmt es mich unendlich glücklich, dass wir diesen Augenblick teilen können. Dass gerade dieser von der Abendsonne gelb gefärbte Moment uns beiden gehört, obwohl unsere Welten weiter voneinander entfernt sind als je zuvor.

 

***

 

Die Stille lässt mich aufschrecken. Wie lange haben wir hier gesessen, in unsere Gedanken versunken? Oder nein, eigentlich handelte es sich nicht einmal um Gedanken, sondern um bloßes Sein, halb unbewusstes Existieren, Stillstand. Die Krankheit oder die Quarantäne hat uns allmählich so werden lassen, nachdem wir gezwungenermaßen alles verlangsamten: Bewegung, Arbeit, Schule, das Leben. Dasselbe gilt für die Zeit. Sie vergeht nicht mehr so wie früher, sondern in Sprüngen, mal rennt sie, mal bleibt sie stehen.

 

Mar hat sich auf den Stuhl gefläzt, den Kopf an die Wand gelehnt und die Augen geschlossen. Ich stehe leise auf und stelle unsere Teetassen auf den Spültisch. Ich will Mar nicht wecken. Man sieht ihr an, dass sie nicht schlafen kann. Auf Alltag oder Schlaf hat sie auch früher keinen Wert gelegt, das machte sie so bezaubernd, und so anstrengend. Ausrufezeichen, das war Mars zweiter Name. Plötzlich muss ich lachen, ich sehe das Foto vom Festival vor mir, das Tek geschickt hat, Mar hat darauf gelbschwarze Haare, ummalte Augen, eine wilde Miene. Sie springt aus dem Bild. All das passte in die Vergangene Zeit, aber während der Krankheit wurde der Rhythmus zum Anker und zum Tau. Inmitten des Schrecklichen gab einem die Stille Kraft. Ich betrachte Mar. Das Zwerchfell leert meine Lunge, ohne dass ich es merke.

 

Die Trauer ist im Bauch zu spüren. Ich sehne mich nach dem früheren Leben – ein Gefühl, das ich zu dämpfen versucht habe, was mir allmählich auch gelingt. Manchmal frage ich mich, ob es Verdrängung und falsches Vergessen ist, aber gleichzeitig spüre ich eine seltsame Sicherheit. Ich bin hier. Eine Rückkehr zum Früheren gibt es nicht. Es gibt etwas Neues, das unablässig zwischen unseren Träumen und Gedanken entsteht.

 

Mar atmet gleichmäßig. Ich passe meinen Atem ihrem Takt an. Wie wertvoll ist der Schlaf.

 

***

 

Ich stelle meine leere Teetasse auf den Tisch, die Sonne des Frühsommers wirft ihre Strahlen noch darauf.

 

Die Freiheit fühlt sich chaotisch und unermesslich wertvoll an.

 

Ich versuche mich auf den Inhalt der braunen Papiertüte zu konzentrieren, den ich gekauft habe.

 

Mit meinen wild hüpfenden Gedanken grabe ich mich ins Innere des Wollknäuels ein.

 

Die Banderole hält das Knäuel zusammen, ich empfinde die Enge als beruhigend.

 

Die Wärme treibt mir Schweißperlen auf die Stirn. Ich wische sie ab und öffne meinen Blick für die Farbe, die durch das Garn läuft, sie wechselt.

 

Während das Rosa meine weiche Umgebung beherrscht, blitzt hier und da Frühlingsgrün mit Weiß hervor, schüchtern.

 

Ich erlaube meinen Fingern, sich ins Weiche zu schieben, und die Zeit beginnt meine Gedanken zusammenzustricken.

 

Unnötig, mich zu fürchten, die Dinge neigen dazu, sich zu klären. Auch Knotenpunkte lösen sich, wenn man die Geduld hat, innezuhalten, sich Aufschub zu gönnen.

 

Unlösbare Knoten kann man noch fester zusammenziehen und hinter sich lassen wie das gelebte Leben.

 

Alles hat seinen Sinn, auch wenn man ihn vor lauter Staub nicht immer sieht.

 

Die entspannende Wirkung der Wolle kriecht langsam in meinen Körper. Ich atme den Geruch der Lämmer ein, rein, kräftig.

 

Ich finde den Anfang und trete aus dem Knäuel heraus.

 

Wieder schlage ich neue Maschen auf und lasse meinen Sinn auf die Nadeln wandern.

 

***

 

Die Badezimmertür öffnet sich knarrend. Die Tropfen, die aus Mars Haaren fallen, zeichnen ein Muster auf den staubigen Läufer im Flur, wie beim Rorschach-Test.

 

„Hat das warme Wasser gereicht?”

 

„Ja. Nein. Ich weiß nicht. Wofür?”

 

Okay. Besser nicht ausquetschen. Mars zerbrechlicher Müßiggang gerät leicht aus der Bahn, deshalb behütet sie ihn so ungestüm. Eine einzige unvorsichtige Frage, ein z ulanges Verharren bei einem Gedanken, kann eine Kettenreaktion in Gang setzen, die tagelange Arbeit über den Haufen wirft.

 

In dieser Welt nach der Krankheit gibt es viele Menschen wie Mar. Diejenigen, die sich von Plänen, Strukturen, Szenarien betrogen sehen, von der internationalen Politik bis hin zu den persönlichsten Wünschen. Was nützen Träume, Sparbücher, frisch gepflanzte Apfelbäumchen, Fertilitätsbehandlungen, wenn jederzeit alles abgeblasen werden kann? Schluss. Abgesagt. Vorläufig geschlossen. Mar und ihre Gesinnungsgenossen haben sich vorgenommen, all dem einen Schritt voraus zu sein.

 

„Komm an den Tisch. Hier steht zufällig ein Stuhl für dich.”

 

Ich nehme die Papiertüte vom Stuhl und lege das Wollknäuel vorsichtig obenauf. Seine Zeit würde noch kommen. Bald wäre es Zeit für die weiche, warme Flockigkeit, für die zart gefärbten Träume des Frühsommers. Ich hatte eine andere Wahl getroffen als Mar: Ich hatte beschlossen, hartnäckiger an meinen Träumen festzuhalten als je zuvor. Nie mehr würde ich zulassen, dass irgendwelche Börsenkurse und Quarantänen und Raketenangriffe sich zwischen mich und meine Träume drängten.

 

Hier sitzen wir uns nun gegenüber, wir beiden Extremfälle. Gleichermaßen albern und unerbittlich in unseren Entscheidungen. Vielleicht kann ich deshalb nicht anders, als Mar zu respektieren und ihre Regeln genau einzuhalten, da sie zufällig gerade auf meinen Flurläufer Wasser tropfen lässt. Plötzlich stimmt es mich unendlich glücklich, dass wir diesen Augenblick teilen können. Dass gerade dieser von der Abendsonne gelb gefärbte Moment uns beiden gehört, obwohl unsere Welten weiter voneinander entfernt sind als je zuvor.

 

***

 

Die Stille lässt mich aufschrecken. Wie lange haben wir hier gesessen, in unsere Gedanken versunken? Oder nein, eigentlich handelte es sich nicht einmal um Gedanken, sondern um bloßes Sein, halb unbewusstes Existieren, Stillstand. Die Krankheit oder die Quarantäne hat uns allmählich so werden lassen, nachdem wir gezwungenermaßen alles verlangsamten: Bewegung, Arbeit, Schule, das Leben. Dasselbe gilt für die Zeit. Sie vergeht nicht mehr so wie früher, sondern in Sprüngen, mal rennt sie, mal bleibt sie stehen.

 

Mar hat sich auf den Stuhl gefläzt, den Kopf an die Wand gelehnt und die Augen geschlossen. Ich stehe leise auf und stelle unsere Teetassen auf den Spültisch. Ich will Mar nicht wecken. Man sieht ihr an, dass sie nicht schlafen kann. Auf Alltag oder Schlaf hat sie auch früher keinen Wert gelegt, das machte sie so bezaubernd, und so anstrengend. Ausrufezeichen, das war Mars zweiter Name. Plötzlich muss ich lachen, ich sehe das Foto vom Festival vor mir, das Tek geschickt hat, Mar hat darauf gelbschwarze Haare, ummalte Augen, eine wilde Miene. Sie springt aus dem Bild. All das passte in die Vergangene Zeit, aber während der Krankheit wurde der Rhythmus zum Anker und zum Tau. Inmitten des Schrecklichen gab einem die Stille Kraft. Ich betrachte Mar. Das Zwerchfell leert meine Lunge, ohne dass ich es merke.

 

Die Trauer ist im Bauch zu spüren. Ich sehne mich nach dem früheren Leben – ein Gefühl, das ich zu dämpfen versucht habe, was mir allmählich auch gelingt. Manchmal frage ich mich, ob es Verdrängung und falsches Vergessen ist, aber gleichzeitig spüre ich eine seltsame Sicherheit. Ich bin hier. Eine Rückkehr zum Früheren gibt es nicht. Es gibt etwas Neues, das unablässig zwischen unseren Träumen und Gedanken entsteht.

 

Mar atmet gleichmäßig. Ich passe meinen Atem ihrem Takt an. Wie wertvoll ist der Schlaf.

 

***

 

3.

 

Am Morgen fasst Mar einen Beschluss, ohne einen Beschluss zu fassen. Sie greift zum Stift, macht aber einen Abstecher zum Rosenstrauch, um nicht den Eindruck zu erwecken, dass sie zu schreiben beginnt. Eine Neue Zeit ist angebrochen, und ihr zu Ehren beschließt Mar, eine programmatische Erklärung zu verfassen, ohne es zu beschließen. Sie zupft die Dornen aus ihren Fingern und packt den Stift wie einen Faulbaumzweig. „Hundert ungeplante Taten”, schreibt sie in so krakeliger Schrift, dass man die Worte nicht erkennt. Sie malt eine römische Eins, die eher einer Finnenkerze gleicht als einer Ziffer, und lässt Flammen aus dem Kiefernholz aufsteigen. Das Papier verbrennt, der Stift färbt sich schwarz, Mar leckt an der Bleispitze. Das fängt ja gut an, lächelt sie, eins folgt auf das andere, obwohl ich gar nichts vorhabe!

 

***

 

„Was tust du?”, frage ich Mar und versuche, neutral zu klingen. Ihre ohnehin schwankende Stimmung verändert sich seit dem Ende der Quarantäne in absolut hektischem Takt. Mar hebt den Blick von dem Papier, auf das sie allem Anschein nach eine Art Liste zu schreiben begonnen hat. Es lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ihre Schnörkel lassen viele Deutungen zu.

 

„Ich schreibe ein Manifest… über Dinge, die… ich tun soll… oder, na ja, nicht unbedingt ich, aber irgendwer.”

 

„Ein Manifest? Oder eine Tätigkeitsliste?” Ich wusste, dass Mar gern Listen anlegte. Wieviel von dem, was darauf stand, verwirklicht wurde, wechselte. Mar sieht meinen Gesichtsausdruck, hört meinen Tonfall, ihre Augen verdunkeln sich drohend. „Du glaubst nicht an mich, du denkst, dass ich bloß fantasiere.” „Natürlich glaube ich an dich, du bist gut im Pläneschmieden, hast du an die abgesperrten Gebiete gedacht? An Merihaka und Kalasatama?”, versuche ich sie abzulenken.

 

„Natürlich, an sie habe ich am meisten gedacht, sie sind immer noch Menschen, auch wenn sie… Eigenschaften bekommen haben.” Mars Stift windet sich auf dem Papier wie ein Aal vor dem bitteren Ende.

 

„Die Regierung hat versprochen, die Tore zu öffnen. Das wird nicht allen recht sein, schon gar nicht, wenn die Leute aus Merihaka wieder durch unsere Straßen laufen”, sage ich und streiche Mar über die Haare.

**

 

Mar war eingeschlafen. Ich wollte weder Netflix einschalten noch in meiner DVD-Schublade kramen, sonst würde Mar, deren Kopf auf meinem Schoß lag, womöglich aufwachen. Außerdem stimmten Filme mich traurig. In den letzten Tagen hatte ich mir melancholische Geschichten angesehen. Hotel Transylvania, Shoplifters, Moonlight. Die geschlossene Burg im Zeichentrickfilm, aus der die erwachsene Vampirtochter wegen der Ängste ihres Vaters Dracula nicht hinaus durfte, passte gut zu den Erinnerungen an die Quarantäne während der Krankheit. Die verstoßenen, vernachlässigten Kinder in dem japanischen Film Shoplifters und ihre flehenden Blicke hielten mich nachts wach, wenn die Dunkelheit mir den Hals zuschnürte. Was ist Familie?, fragte dieser Film. Was war meine Familie? Früher, jetzt, in der Zukunft? Mar? Das Familienkonzept in Moonlight wiederum glich der chaotischen Elendskommune in Shoplifters, in der es genug Liebe gab, aber keine Gesetzestreue und keine Ehrlichkeit. Der Protagonist in Moonlight lebte allein mit seiner Crack-süchtigen Mutter. Seine einzige Stütze war ein reicher, gutherziger Drogendealer, der den Jungen vor Gewalt und Elend schützte. Der Junge pendelte zwischen diesen beiden „Familien”.

 

Äh, gerade jetzt hatte ich keinen Nerv für Geschichten. Es gab mehr als genug Wirklichkeit, sie überrollte mich. Sollte ich vielleicht die Grübeleien alter chinesischer Männer lesen? Die Typen saßen im Gebirge und betrachteten die sich kräuselnde Oberfläche des Tees in ihrer Tasse oder das Schwanken eines Grashalms. Das reichte ihnen. Ich suchte im Regal nach dem Buch, fand es aber nicht. Obwohl die Quarantäne lange gedauert hatte, war es mir nicht gelungen, meine Wohnung in Ordnung zu bringen. Ich hatte die Schränke nicht aufgeräumt, die Gedichtbände nicht alphabetisch geordnet.

 

Während der Krankheit hatten die Menschen sich ungeachtet ihrer ehrgeizigen und praktischen Pläne auf seltsame Ersatztätigkeiten verlegt, zum Beispiel hatten sie sich mit verschiedenen Wortspielen abgelenkt und amüsiert. Mir hatte vor allem das gefallen, bei dem man die ersten drei Buchstaben seines eigenen Namens verwenden musste. Nun überlegte ich, wie ich die Aufgabe mit Mars Namen lösen könnte.

 

Kleidungsstück: Marimekko-Nachthemd

 

Getränk: Marzipantee

 

Ort: Marbella

 

Essen: Mariniertes Huhn

 

Tier: Marder

 

Mädchenname: Maria

 

Jungenname: Marvin

 

Beruf: Marketingassistentin

 

Adjektiv: Markant

 

In jeder Wohnung: Marmormörtel

 

Die Aufgabe munterte mich auf. Vorsichtig schob ich ein Kissen unter Mars niedlichen Kopf und schlich auf den Balkon. Die Zweige schwankten im Wind, es roch nach Hoffnung und Zuversicht. Ich atmete tief und genießerisch ein. Von der Straßenecke her näherte sich ein kleiner schwarzweißer Hund, vielleicht ein Papillon oder ein Chihuahua. Wo war sein Herrchen oder Frauchen?

 

***

 

Der Hund bellte laut auf. Er streckte die Schnauze in die Luft, als wollte er den Wind schnuppern, und bellte erneut. Es klang irgendwie gebieterisch. Ich bin keineswegs sportlich, aber plötzlich kam mir die Idee, vom Balkon nach unten zu klettern.

 

Ich hing mit beiden Händen am Balkongeländer und tastete mit den Füßen, an denen ich nur Socken trug, nach einem sicheren Halt. Nachdem ich den Fuß in eine Kerbe im Putz geschoben hatte, verlagerte ich die eine Hand. Langsam gelangte ich so weit nach unten, dass ich es wagte, auf die Erde zu springen.

 

Entweder war ich zu tollkühn oder ich hatte den Abstand falsch eingeschätzt. Ich glaube, dass ich vorübergehend das Bewusstsein verlor. Als ich zu mir kam, lag ich bäuchlings auf der Erde und meine Knochen taten so weh, als wären sie hohle Vogelknochen, durch die eisiger Wind weht.

 

Das erste Bild, das ich sah, war Mars verschmiertes, blasses Gesicht. Die geschwollene Oberlippe machte ihre Miene hochmütig, fast verächtlich.

 

Ich öffnete die Augen. Der Hund starrte mich an. Seine Augen waren im Verhältnis zu seiner Größe riesig, es waren schwarze Löcher, aus deren Tiefe ich mich selbst betrachtete. Ich lag auf dem Rasen, wurde zu den Füßen hin extrem schmal, der Bildwinkel war seltsam. Noch einmal kniff ich kurz die Augen zu.

 

Der Hund sah aus wie ein Gott des Todes, die Augenlöcher, das viereckige Kinn, die feuchte, warzige schwarze Schnauze. Er öffnete das Maul und gähnte, seine Zähne blitzten wie die Dolche, mit denen die Azteken ihren Opfern das Herz aus der Brust schnitten.

 

Es war tatsächlich ein kleiner Hund.

 

Ich versuchte aufzustehen, doch es ging nicht. Ich atmete eine Weile ruhig ein und aus, die Erde fühlte sich zunehmend feucht an. Ein neuer Versuch. Ich kam auf die Beine, mir tat alles weh, aber es war ein gleichmäßiger Schmerz. Keine Knochenbrüche, nur eine ordentliche Prellung.

 

Der Hund hatte sich von mir abgewandt. Er machte ein paar Schritte. Er bellte nicht und sagte garantiert nicht: Folge mir. Trotzdem folgte ich ihm. Meine Socken waren nass, ich war bei klarem Verstand. Ich wusste, dass die Wohnungstür verschlossen war, dass die Haustür verschlossen war, dass Mar schlief. Mir war bekannt, dass sie einen tiefen Schlaf hatte, und ich wusste nicht, ob sie mich einlassen wollte, wenn die Türen zu waren und sie den Schlüssel hatte.

 

Der Hund drehte den Kopf und wedelte ein paarmal mit seinem schwarzweißen Schwanz. Ich war hinter ihm zurückgeblieben. Nun beschleunigte ich das Tempo. Die Steine drückten unangenehm durch die Socken. Ich zog die Socken nicht aus, sie schützten meine Füße wenigstens ein bisschen. Immerhin war ich bei vollem Verstand, und der kleine Hund trippelte vor mir her in Richtung Merihaka.

***

 

In meinem Kopf rumorte nur ein Gedanke: Mar wäre nicht zufrieden mit mir. Während ich die staubtrockene Straße entlang ging, schimpfte ich mit mir selbst. Warum musste ich mir immer Gedanken darüber machen, was Mar dachte? Ich hatte ein Ziel, auf das ich zugehen musste. Ich hatte gerade mehrere Wochen damit verbracht, über das Wohl der ganzen Welt nachzudenken. Jetzt wurde es Zeit für mich, zu handeln. Immerhin lebte ich, das war schon etwas.

 

Trotzdem zerrten Mars künftige Gedanken an meinen Gehirnwindungen. Ich überlegte, wie es mir gelungen war, Mar in mein Leben zu bekommen. Wir waren so verschieden. Nichts verband uns, und doch atmeten wir gleichzeitig und ich kannte ihre Gedankengänge, manchmal sogar besser als meine eigenen. Mitunter stellte ich mir vor, ich wäre ein Chamäleon, das sich Mars Gedanken, Gefühlen und Bewegungen anpasst. Ich hatte mich so oft mit ihr verloren. Dennoch konnte ich nicht Schluss machen. Ihre Existenz war wie eine Droge, von der ich immer mehr und mehr brauchte. Ich hatte gerade meine Dosis erhalten, und jetzt war meine Stunde gekommen.

 

Inzwischen hatte ich den Hund, hinter dem ich mich auf den Weg zu meinem Ziel gemacht hatte, längst aus den Augen verloren. Eigentlich war das egal, denn ich wusste, dass dieser Hund mir nur einen Vorwand geliefert hatte, zu dem hinabzusteigen, wovor ich mich fürchtete. Doch dann begann ich meinen Vorwand zu vermissen, denn ich wusste, wie wacklig meine Entschlossenheit war.

 

Im selben Moment klingelte mein Telefon. Auch ohne das Gerät aus der Tasche zu holen, wusste ich, was das Ergebnis sein würde. Ich ließ es läuten, meiner Meinung nach lange. Doch ich meldete mich beim zweiten Klingeln.

 

Mar kannte keine Gnade. Ich machte mich wieder auf den Weg nach Hause.

 

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Der Heimweg war länger als je zuvor. Wo war ich überhaupt? Mar, woher wusstest du, wo ich war? Wo meine Gedanken waren?

 

Nach der Krankheit schrieben die Zeitungen darüber, dass sie eine Spur in uns hinterlassen hat. Bei manchen eine tiefere und dunklere als bei anderen. Es ist, als hätte sich in Mar nach der Krankheit eine Art Radar eingenistet, eine find my partner -Funktion.

 

Ich bin nicht mehr fähig, mich oder Mar so zu sehen wie früher. Alles scheint nur durch das Jetzt definiert zu werden, denn das Vergangene ist schrecklich und das Kommende ungewiss. Das Jetzt ist ein ekelhaftes Gefühl, das man im Hals spürt wie den ersten Straßenstaub im Frühjahr, Feinstaub und Hundedreck.

 

Das stört mich eigentlich nicht. Und interessiert mich nicht. Es ist nur etwas, das ich jeden Tag spüre, in meinem Alltag.

 

Mar hat sich so verändert.

 

Ich setze mich auf den Asphalt, den die Frühlingssonne erwärmt hat. Die Temperatur ist eher wie in einer schwedischen als einer finnischen Sauna.

 

Das Alepa-Geschäft hinter mir lässt mich wie einen Bettler aussehen. Almosen, Almosen. Rettet mich vor mir, vor meinem Leben.

 

Obwohl Mars Überlebenstechniken schon das Niveau von Bergsteigern und Ultraläufern erreicht haben, wirkt sie schwächer denn je.

 

Während unseres Videogesprächs habe ich nichts Seltsames bemerkt. Nur ein paar kleine Falten, die die Jahre auf Mars Gesicht gezeichnet haben, und die bläulichen Schatten, Spuren schlafloser Nächte.

 

Erst als ich das Gespräch beendet hatte und nach Hause ging, begriff ich, dass ich Mar in unserer Beziehung nicht mehr erkannte. Die Mar, die ich in der Brunst meiner Jugend ins Herz geschlossen hatte. Die furchtsame und scheue, empfindsame Blume. Heute kann man sie eher als manisch und schnelläugig bezeichnen.

 

Die Ladentür geht pausenlos. Ist heute etwa der Tag vor dem ersten Mai? Wie nervig, dass ich so ein rotziger alter Schnepfenhaufen geworden bin. Ein brummiges und schmuddliges Wesen, das auf blöde Ideen kommt, wie zum Beispiel auf Strümpfen vom Balkon zu klettern.

 

„Gottes Segen”, ruft eine vielleicht siebzigjährige Frau mit einem Seidenkopftuch und wirft mir 45 Cent hin. Ich habe noch nie so herzhaft gelacht.

 

Ich vermisse Mars Blick, der um Hilfe und Nähe bat. Ich fühle mich leer und überflüssig.

 

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Sich leer und überflüssig zu fühlen, ist jedoch vor allem eine Form des Egozentrismus, das weiß ich. Ich habe die Möglichkeit, auf dem Asphalt zu sitzen und Leute anzuschauen. Das sollte reichen. Das könnte reichen, an diesem Tag, für diesen Tag. Hier könnte mein Platz sein.

 

Ich sammle die 45 Cent auf und stecke sie in die Tasche.

 

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Obwohl Mar – unruhig und aufbrausend, wie sie war – absichtlich mit den Abendbrottellern klapperte, rührte Tek sich nicht, sondern saß in seine eigene Welt vertieft da, den Blick auf die Buchseiten geheftet.

 

Diesen Anblick wurde Mar nie müde. Heimlich hatte sie es immer genossen, dass sie sich Tek, ohne dass er es wusste, einen Moment lang zu eigen machen konnte. Es war immer der gleiche Moment: Wenn Tek in seinem Lieblingssessel saß und las, schien er in eine andere Welt versunken zu sein – aber gerade das war für Mar sowohl das Beste als auch das Schlimmste. Sie versuchte zu überlegen, was für eine Welt gerade jetzt in Teks Kopf existierte, was er wohl gerade jetzt erlebte, hörte und sah. Was nahm Teks Denken so in Beschlag, dass ihn nicht einmal das irritierende Brummen des Smartphones aufschrecken ließ?

 

Lächerlich wurde die Situation jedoch dadurch, dass in dem Moment, in dem Tek sich mit seinem Buch in den Kokon seines Lieblingssessels zurückzog, seine über das Buch gebeugte Gestalt Mar signalisierte: Komm nicht näher, stell mir keine Fragen! Ich will allein sein – verstehst du, ich will meinen Ausflug ohne dich machen. Listig und planmäßig gelang es Tek, vor Mar geheimzuhalten, welches Buch er gerade las. Wenn er vom Sessel aufstand, pflegte er das Buch eine Weile unter der Achsel zu tragen – doch dann war es plötzlich nicht mehr zu sehen. Mar fühlte sich ausgeschlossen, eifersüchtig und neidisch. Warum wollte Teki hr nicht von den Geschichten erzählen, die er las? War Lesen Privatsache?

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Die Krankheit hat Tek wohl auch verändert oder zumindest sein Gedächtnis verwirrt. Anders als sonst ließ er sein Buch auf dem Sessel liegen, als er aufstand. Sobald Tek sich an den Abendbrottisch gesetzt hatte, eilte Mar verstohlen zum Sessel. „Halina Birenbaum. Hope is the last to die”, las sie stumm.

 

Ich beobachtete Mars Miene, während ich im Flur meine klatschnassen, schlammigen Socken auszog. Ich war gerade nach Hause gekommen, und die Müdigkeit steckte mir in den Knochen. Obwohl Mar den Buchdeckel lautlos studierte, schrie ihr Gesicht geradezu vor Begeisterung, und es war klar, welches Werk sie sich bald holen würde. Natürlich sprach sie ihren Plan nicht aus, denn das hätte ihrer Entscheidung widersprochen, nichts zu planen! Und andererseits hätte sie damit womöglich auch Tek wütend gemacht, der sehr genau über sein Revier und seine Privatsphäre wachte.

 

Ich hängte meine Socken zum Trocknen auf. Sauber würden sie wohl nicht mehr werden, dachte ich. Mein Kopf schmerzte, als ich über den vergangenen Tag nachzudenken begann. Hatte ich mir beim Sprung vom Balkon vielleicht eine Gehirnerschütterung geholt? Mein Zeitgefühl war jedenfalls eine Weile gestört gewesen, denn meiner Erinnerung nach hatte ich, als ich vor dem Laden saß, geglaubt, es wäre Ende April, dabei zwitscherten draußen schon die frühsommerlichen Sumpfrohrsänger. Auch der Heimweg hatte ziemlich lange gedauert, und ich erinnerte mich nicht einmal an die Hälfte der Strecke. Doch nun ging es mir schon besser.

 

Ich schaltete den Fernseher ein und drehte den Ton lauter, damit die beruhigende, väterliche Stimme des Nachrichtensprechers Matti Rönkä bis in die Küche zu hören war. Mar hatte sich schon zu Tek an den Abendbrottisch gesetzt, den auch ich nun ansteuerte. Als ich dort saß, merkte ich, dass ich immer wieder in meinen Gedanken versank. Zwar waren Mar und ich früher zusammen gewesen, doch war unsere Beziehung neuerdings eher eine Freundschaft, eine spezielle allerdings. Vielleicht auch deshalb, weil Mars stilles Schwärmen für Tek mich kein bisschen eifersüchtig machte. Sowohl Mar als auch ich hatten Tek schon gekannt, bevor wir uns kennenlernten. Schon vor der Krankheit hatte ich oft gedacht, dass Tek besser zu Mar passte als ich. Sie waren sich ja auch altersmäßig näher, so dass gleiche Generationserfahrungen sie in gewisser Weise enger verbanden.

 

Obwohl ich mir im Spiegel alt und klapprig erschien – wie ein Mensch, dem das Leben seelisch öfter in die Fresse gehauen hatte als es vielleicht fair gewesen wäre –, war ich innerlich immer noch der Junge, der in den Achtzigern die Pilzwolken der Atomexplosionen in seine Schulbücher malte. Und doch hatte sich nach der Krankheit vieles Wesentliche in mir verändert.

 

Meine Gedanken wanderten zu dem Hund, dem ich früher am Tag gefolgt war. Nach der Krankheit hatte ich beschlossen, meine Ziele und Träume energischer zu verfolgen als je zuvor – ohne die zahlreichen geistigen Fesseln, die ich mir in meinem Leben ständig angelegt hatte! Und diese schwarzweiße Fellnase – sie war nahe daran gewesen, mich zu einem jener Ziele zu führen, die mich am stärksten faszinierten. Nun bereute ich, dass ich ihr nicht weiter gefolgt war. Ich nahm den letzten Bissen vom Teller, schluckte ihn herunter und ging den Fernseher ausschalten.

 

„Ich leg mich schon schlafen. Gute Nacht”, sagte ich.

 

„Gute Nacht”, antworteten sie.

 

Mir fehlte die Kraft, den Schlafanzug anzuziehen oder mir gar die Zähne zu putzen. Ich kroch unter die Decke und nahm mir vor, gleich am Morgen auf mein erstes wichtiges Ziel zuzugehen.

 

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Letztes Update: 30.4.2020